Einmal im Jahr verschwinden wir für drei Tage

Einmal im Jahr packen wir unsere Laptops ein und verschwinden. Keine Kundenprojekte. Keine Tickets. Keine Auslastung. Keine Deadline. Dafür drei Tage Zeit für Dinge, die im normalen Alltag meistens keinen Platz haben.
Wir nennen das Code Retreat. Wobei der Name inzwischen ziemlich schlecht beschreibt, was dort eigentlich passiert.
Angefangen hat alles mit Talks

2019 trafen wir uns zum ersten Mal in einem abgelegenen Dorf im Verzascatal. Damals war das Format noch ziemlich klassisch: Jemand wusste etwas Spannendes und erzählte den anderen davon.
Design Systems. Accessibility. Serverless. Frontend Performance. Web Components. Text Mining. Persönlichkeitspsychologie. Metaphern in User Interfaces.
2020 im Berner Oberland wurde die Themenliste noch wilder: Next.js, Machine Learning, CRDTs, State Machines, GitOps, Infrastructure as Code, D3, CSS, Performance Monitoring — und ein Workshop über AI und Big Data.
Ja. 2020. AI. 🤫
Drei Jahre bevor gefühlt jeder zweite LinkedIn-Post mit «AI is changing everything» angefangen hat. Damals allerdings irgendwo zwischen «Wie wird Bier gebraut?» und «Sonne & Sterne». Eigentlich ein ziemlich gutes Abbild unseres Code Retreats.

2021 ging es nach Amden an den Walensee. Wieder mit Flutter, Ethereum Smart Contracts, Web Components, Terraform, Module Bundlers, visueller Wahrnehmung und Linguistik. Aber nach drei Jahren merkten wir: Nur Wissen auszutauschen reicht uns nicht mehr. Wir wollten Dinge ausprobieren. Und vor allem wollten wir am Freitagabend nicht noch zwölf Slides über eine Idee zeigen. Wir wollten die Idee bauen.
Also machten wir einen Hackathon daraus

2022 änderten wir das Format. Keine zehn einzelnen Talks mehr. Stattdessen kleine Teams und zwei Tage Zeit.
In der Wirkstatt Auboden im Neckertal probierte ein Team neue Webframeworks wie Remix, Solid, Astro und Qwik aus und sollte am Schluss die Frage beantworten, ob Next.js noch unsere beste Wahl ist. Ein anderes beschäftigte sich mit New Work und unserer eigenen Organisation.
Und weil wir Contentful, Prismic, Ghost, Strapi, Storyblok und gefühlt alles dazwischen schon evaluiert hatten und uns nichts so richtig gefiel, nahm sich ein Team vor, ein eigenes Headless CMS zu bauen.
Auf Basis unseres graphql-magic-Skeletons. In zwei Tagen.
Chunnt scho guet.
Tat es dann doch nicht ganz.
Heute nutzen wir DatoCMS.
Aber genau darum gehts: Dinge ausprobieren, die erstmal nach einer guten Idee klingen. Manchmal entsteht daraus etwas, das bleibt. Manchmal merkt man nach zwei Tagen ziemlich klar, warum andere Leute seit Jahren Vollzeit daran arbeiten.
Seitdem ist das ungefähr die Regel: Am Anfang steht eine Idee. Zwei Tage später muss etwas da sein. Nicht zwingend fertig. Nicht zwingend sinnvoll. Aber konkret genug, dass wir danach mehr wissen als vorher.
Unsere Sales-Pipeline entstand in einer Waldhütte

2023 waren wir in Laax in einer Waldhütte. Zugegeben eine sehr schöne Waldhütte. Dort klebten irgendwann Post-its an einer Glaswand und wir diskutierten darüber, wie unsere Sales-Pipeline und die Offertenphase künftig funktionieren sollten. Vieles davon machen wir heute noch so.
Gleichzeitig entstand SMARTA-AI. Die Idee: Was passiert, wenn wir ein AI-Modell mit unserem internen Wissen aus Notion und Slack verbinden? Also ziemlich genau die Frage, die heute unter RAG, Company AI oder Enterprise Search überall diskutiert wird.
Daneben entstanden ein AR-Experiment, eine WebGL-Visualisierung von CAD-Modellen und Weiterentwicklungen unserer internen Apps. Nicht alles davon lebte weiter. Das muss es auch nicht. Manchmal ist das wichtigste Resultat eines Code Retreats: War lustig. Machen wir nie wieder. Auch wertvoll.
Und manchmal entsteht plötzlich ein Produkt
2024 schlossen wir uns für drei Tage in einer Schnapsbrennerei im Thurgau ein. Was soll schon schiefgehen?
Dort hatte ein Team ein ziemlich banales Problem. Wir veranstalten Sommerfeste, Apéros und andere Events. Jedes Mal braucht es Anmeldungen. Jedes Mal basteln wir irgendeine Lösung zusammen. Google Forms fühlt sich gegenüber Kund*innen nicht besonders sexy an. Eventplattformen passen auch nicht richtig. Und bei Kund*innen tauchte dasselbe Problem auf.
Also baute das Team einen Proof of Concept für ein Headless Event Management System. Der Prototyp bekam später einen Namen: Eventless. Heute ersetzt Eventless bei ersten Kunden genau die Workarounds, die uns damals genervt haben.

Das Ding, das zwischen Go-Kart Bahn, Destillerie, Laptops und vermutlich nicht ausschliesslich Mineralwasser entstanden ist, wurde also tatsächlich ein Produkt. Ein echtes. Für Kunden. Nicht «Produkt» im Sinne von drei Figma-Screens und einer Domain, die sechs Monate später wieder ausläuft.
2025 wurde AI vom Thema zum Werkzeug

2025 ging es nach St. Anton im Appenzell. Mit Blick übers Rheintal testete ein Team Figma MCP zusammen mit shadcn und einem eigenen Next.js-Setup. Ziel: Ein Design in Figma erstellen und daraus möglichst direkt funktionierenden Code generieren. Keine Zeile von Hand schreiben. Das legte die Basis für unseren heutigen Software Factory Ansatz.
Ein anderes Team baute ein internes smartive-GPT mit Zugriff auf unsere eigenen Ressourcen. Eine Evolution der Smarta-AI von 2023.
Ein weiteres experimentierte mit einem AI Image Generator, der unsere Bildsprache versteht. Heute heisst das Ding «smartify» und wird für Marketing und Sales regelmässig eingesetzt. Andere bauten eine Flutter-App fürs OpenAir St. Gallen und einen digitalen Adventskalender, den wir an Weihnachten dann auch genutzt haben.
Und dann war da noch das Team, das praktisch gar keinen Code schrieb. Die schrieben ein Buch. EIN GANZES BUCH. Nicht «wir haben ein PDF exportiert und nennen es jetzt Buch». Das Ding wurde tatsächlich gedruckt. Nicht auf A4-Papier aus dem Bürodrucker mit einem Bostitch in der Ecke. Als richtiges Taschenbuch. Mit Buchrücken und allem Drum und Dran.
Über unsere Kultur, Selbstorganisation, Rollen, Entscheidungsprozesse, Rituale und die vielen anderen Dinge, bei denen uns Menschen immer wieder fragen: Wie funktioniert diese Firma eigentlich? Fairerweise: Das fragen wir uns selbst auch regelmässig.
Dieses Jahr geht AI noch eine Ebene tiefer
2026 gehts nach Thusis. Und wenn man die Themenliste anschaut, hat sich etwas verändert.
Ein AI-Agent soll Supportanfragen aus Mail, Slack und Notion verstehen und vielleicht gleich den passenden Merge Request vorbereiten. Ein Team baut einen möglichen Harvest-Ersatz. Ein anderes experimentiert mit lokalen LLMs, die Produktionslogs zuerst von sensiblen Daten bereinigen und danach einen Coding Agent auf Fehlersuche schicken.
Wir beschäftigen uns damit, wie Projektteams aussehen, wenn Designer Code produzieren, Kund*innen Code produzieren und einzelne Entwickler*innen plötzlich mit einer kleinen Armee von AI-Kollegen arbeiten. Wir bauen an einer AI-Entwicklungsplattform, einem internen Aktien-Marktplatz und einem AI basierten Generator für smartive-Slides. Und wir testen, ob AI-simulierte User mit Playwright und Vision-Modellen tatsächlich brauchbare UX-Probleme finden können.
Wenn man die Themen von 2019 danebenlegt, ist die Entwicklung ziemlich absurd.
- 2020: Was kann AI?
- 2023: Kann AI unser Wissen verstehen?
- 2025: Kann AI unsere Arbeit beschleunigen?
- 2026: Okay. Und brauchen wir jetzt eigentlich noch gleich grosse Teams?
That escalated quickly.
Aber das ist nur die halbe Geschichte

Wenn wir über den Code Retreat erzählen, landen wir schnell bei den Dingen, die entstanden sind. Bei Eventless. Beim Buch. Bei AI-Experimenten. Bei irgendwelchem Zeug, das später tatsächlich Teil unserer täglichen Arbeit wurde.
Dabei ist die andere Hälfte mindestens genauso wichtig.
Alle wiedermal sehen. Nicht als kleines Rechteck in Google Meet. Nicht für 25 Minuten zwischen zwei anderen Terminen. Sondern richtig. Drei Tage gemeinsam irgendwo sein. Mit Menschen arbeiten, mit denen man sonst kaum ein Projekt teilt. Gemeinsam essen. Abends sitzen bleiben. Irgendwann den Laptop zuklappen. Bier auf.
Und dann entstehen diese Gespräche. Über Arbeit. Über die Firma. Über Dinge, die uns beschäftigen. Über Familien und Leben. Über Entscheidungen, die wir vielleicht schon viel länger hätten diskutieren sollen. Manche Gespräche gehen ziemlich tief. Andere überhaupt nicht. Manche Abende sind auch einfach sehr, sehr lustig. Und ja: gelegentlich feuchtfröhlich. Vielleicht ist genau das Teil davon.
Ein Hackathon im Büro wäre nicht dasselbe

Technisch könnten wir das alles natürlich im Büro machen. Zwei Tage blocken. Teams bilden. Pizza bestellen. Go. Wäre günstiger. Wäre einfacher. Wäre aber nicht dasselbe.
Es macht einen Unterschied, ob nach dem Workshop alle nach Hause fahren oder ob du zwei Stunden später mit denselben Menschen am Lagerfeuer sitzt. Ob du am nächsten Morgen wieder in dein normales Meeting springst oder gemeinsam frühstückst und danach weiterbaust. Ob du in einem Sitzungszimmer sitzt oder in einer Waldhütte in Laax. Oder einer Schnapsbrennerei im Thurgau.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass ein paar unserer besten Ideen genau dort entstanden sind.
Acht Jahre später
2019 gingen wir ins Verzascatal und erzählten uns gegenseitig etwas über Design Systems, Serverless und Accessibility. 2026 fahren wir nach Thusis und diskutieren darüber, wie AI Projektteams, Supportprozesse und Softwareentwicklung verändert.
Dazwischen liegen ziemlich viele Prototypen. Ein echtes Produkt. EIN GANZES VERDAMMTES TASCHENBUCH. Unzählige technische Experimente. Einige Ideen, die komplett verschwunden sind. Post-its an sehr vielen Wänden. Tiefe Gespräche am Lagerfeuer. Sehr viele schöne Momente. Ein paar Abende, die gegen Ende vermutlich weniger produktiv waren.
Und vor allem acht Jahre, in denen wir uns jedes Jahr für ein paar Tage die Zeit genommen haben, gemeinsam über Dinge nachzudenken, für die sonst immer gerade etwas Wichtigeres ansteht.
Was dieses Jahr in Thusis entsteht? Keine Ahnung. Genau deswegen fahren wir hin.

Geschrieben von
Josh Wirth





